Die kleinen und großen Probleme mit dem Klugscheißen

Kennen Sie den Spruch „Mein Leben ist ein ständiger Kampf zwischen dem Wunsch, Grammatik zu korrigieren und Freunde zu haben.“?

Mein Freund zeigte mir gestern seine wichtige Präsentation, tolle Bilderwelt, inhaltlich hoch anspruchsvoll, alles noch nicht final, aber mal zum Gucken. Meine erste Reaktion? „Ähm – da fehlt ein Komma!“ „DAS IST NOCH NICHT FINAL!“, kam zurück – und ich schämte mich mal wieder, weil ich es nicht lassen kann. Nie. Na ja, selten. Wenn es gut läuft, spreche ich es zumindest nicht laut aus.
Sie springen mich einfach an, die blöden Fehler. Noch ein, zwei Klischees, die wahr sind?

Ich schaffe es nicht, in einem Restaurant zu sitzen, ohne irgendwann den Rotstift zücken zu wollen, um die Speisekarte zu korrigieren. Stehe ich am Hamburger Hauptbahnhof, korrigiere ich gedanklich die Großplakate über den Gleisen und rolle innerlich mit den Augen bei dem Gedanken daran, was die Werbefläche kostet und wie verschwindend gering der Preis für ein Lektorat gewesen wäre – wenn es denn eines gegeben hätte.

Die, so rede ich es mir schön, angeborene Klugscheißerei hat auch durchaus Vorteile: Ich bin zum Beispiel von beiden Seiten anerkannter Schiedsrichter, wenn sich meine Eltern beim Scrabble in die Wolle kriegen. – Gibt’s das Wort überhaupt? Muss das nicht klein, zusammen, getrennt oder ist das eigentlich überhaupt Deutsch?

Die Sekretärin meines Vaters, er ist Rechtsanwalt, ruft mich an, wenn er ihr mal wieder nicht glauben will, dass da jetzt aber wirklich ein Komma gesetzt werden muss. Sie hat in aller Regel recht und er gibt bereitwillig klein bei, wenn „Frau Duden“ ihren Senf dazugibt. Das ist eine große Ehre für mich, denn in aller Regel weiß er alles besser – vielleicht ist meine Veranlagung hier ja wirklich erblich bedingt.

Und die Nachteile? Wenn der Cousin anruft und fragt, ob ich – mal eben – die 80-seitige Masterarbeit korrigieren kann, er würde dann gern übermorgen abgeben.

Ach, und wissen Sie was? Ich liebe das Ganze. Und versuche die Waage dazwischen zu finden, alles korrigieren zu wollen und trotzdem noch Freunde zu haben. Ich lerne immer noch, Grammatisches, Sprachliches und über den Umgang mit Menschen. Und es erfüllt mich jeden Tag.

Wenn ich Ihnen beim Klugscheißen helfen kann, melden Sie sich gern jederzeit – telefonisch, über unsere Website oder per Mail. Ich schicke Ihre Anfrage auch nicht korrigiert zurück. Versprochen.

Sybille Vibrans

Sybille Vibrans lektoriert aus Leidenschaft. Als Teamleiterin im Deutschen Lektorat nimmt sie die Sprache ganzheitlich in den Blick: Sie korrigiert, sie schult und sie berät zu vielfältigen Sprachfragen. Nicht zuletzt schreibt sie selbst. Ihre Blogs und Posts treffen den Nerv der Zielgruppen. Und die Auftragstexte, die sie und unsere von ihr betreuten Autoren schreiben, ranken ganz oben in der Gunst unserer Kunden.
Sybille Vibrans